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Jens Harder hat für sein großformatiges, gute 350 Seiten starkes Buch „ALPHA“ über 2000 Bilder gezeichnet, die dreifarbig und holzsstichartig in Form eines Comics eine mögliche Antwort auf die Frage geben, wie alles angefangen und wie es sich entwickelt hat. In diesem ersten Band einer geplanten Trilogie geht es vom universalen Urknall übers Kryptozoikum bis zum Beginn des Anthropozoikums; dem Auftritt des Menschen, seiner Entwicklung wird der zweite Band ‚BETA‘ vorbehalten sein. Bd 3, ‚GAMMA‘, wird sich mit der Zukunft beschäftigen. Harders bildnerische Quellcodes reichen von Bosch und Botticelli bis Roy Lichtenstein, Tanaka und van Gogh, um nur einige wenige zu nennen. So erzählt er nicht nur die Geschichte der Erdzeitalter, sondern reflektiert auch immer deren jeweils zeitgebundene Wahrnehmung und Darstellung. Sparsam und gezielt erläutern und kommentieren Textzeilen hier und da die Bilder. Man kann das Buch auch durchaus von hinten nach vorne anschauen, von unten rechts nach links oben. Zwar kann und will ALPHA nicht Fuder von Fachliteratur ersetzen. Aber es ist eine grandiose künstlerische Bestandsaufnahme und Visualisierung der Geschichte dieses Planten und seiner Bewohner; und Harder hat dem ein so unprätentiöses wie gescheites ‚Nachwort/Vorwort‘ beigefügt. Jens Harder: ALPHA. Carlsen Verlag 2010. 49,90 € |
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Robert Seethalers neuer Roman hat den Titel „Jetzt wirds ernst“. Diese Feststellung bezieht sich eigentlich auf das, was nach dem Roman für dessen Helden kommen wird: der Aufbruch in die große Welt jenseits des Provinzstädtchens, in dem er aufgewachsen ist. Seine Krabbeljahre hat er im elterlichen Friseurgeschäft verbracht, in der Schule ist er ein Außenseiter. Früh schwindet die Mutter dahin; unglücklich verlieben sein einziger Freund und er sich ins selbe Mädchen. Der Versuch einer haarkürzenden Lehre im dahindämmernden väterlichen Betrieb endet schnell mit dem Beweis seines haarsträubenden Unvermögens. Dann aber betritt er einen Sehnsuchtsort: das ‚Theater im Kellerloch‘. Dort durchläuft er, vom Intendantenpaar Janos und Irina Podgacek angeleitet, eine fulminante Lebens- und Theaterpropädeutik, voll tiefer Ein- und weiter Ausblicke. Angereichert mit den Erfahrungen des kleinen Welttheaters entschließt er sich, die Linie 11 zu besteigen, um sehnsuchtsvoll wehmütig seine Stadt zu verlassen. Sympathetisch und mit spielerischer Ironie bricht Robert Seethaler in diesem kleinen Entwicklungsroman so große Themen wie Liebe und Tod auf das Format hinunter, in dem z. B. verhunzte Haarpracht oder kleinbürgerliche Politeitelkeiten Hauptrollen spielen.
Robert Seethaler: Jetzt wirds ernst. Verlag Kein & Aber, 2010. 19,90€ |
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| „Es gibt keinen Tag ohne Ringelnatz-Jubiläum. Jedenfalls keinen, der den Namen ‚Tag‘ verdient hätte.“, sagt Harry Rowohlt und beweist das gemeinsam mit Christian Maintz. Der Mittschnitt eines Programms zum 125. Geburtstag des Autors liegt jetzt auf zwei CDs vor. Rowohlt lässt durch den einzigartigen Vortrag Ringelnatzscher Gedichte deren Autor nachgerade im Raum materialisieren, während Maintz kenntnisreich Erläuterungen zu deren Entstehungs- und des Autors Lebensgeschichte um Rowohlts bassbaritonale Stimme flicht. Auch die wenigen Vor- und Nachgänger dieses Meisters des Komischen, Absurden, scheinbar Albernen und jähe Welteinsichten Aufreißenden wie Heine, Morgenstern, Rühmkorf, Gernhardt und F.W. Bernstein kommen zu Gehör. Fermentiert wird das alles noch durch Randbemerkungen Rowohlts, dieses ‚Paganini der Abschweifungen‘. Auch wenn Hans Gustav Bötticher, wie Ringelnatz mit bürgerlichem Namen hieß, in diesem Jahre schon 127 Jahre alt geworden wäre: sein irdisches Verfallsdatum, der 17. November 1934, wird durch diese Aufnahme beinahe zur Nebensache.
Harry Rowohlt/ Christian Maintz: Wie seine eigne Spucke schmeckt, das weiß man nicht. Texte von Joachim Ringelnatz. |
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| Ein Büchlein, das vor 14 Jahren schon die Welt erklärte, ist jetzt in 4., aktualisierter Auflage wieder erhältlich: ‚Die sexuellen Phantasien der Kohlmeisen‘, von Jörg Metes und Tex Rubinowitz. Es setzt keinerlei vogelkundliches Wissen oder Interesse voraus, wie der Titel vermuten lassen könnte. Nur Neugierde aufs Leben und Lachlust über entlarvend bizarre Vergleiche, spannende Rankings, abstruse Chaosordnungen und bedeutende Hauptnebensächlichkeiten. Wie z. B. die achtnächste Stufe der Klimakatastrophe: Saudi-Arabien erlaubt das Nacktbaden. Wo lernten sich Alice und Ellen Kessler kennen? Beim Trampen. Was ist am häufigsten, neben dem Schrank (100%), in Mädchenzimmern zu finden: Pferdeposter (73%). Und in Pferdezimmern? Neben dem Stroh (100%): Mädchenposter (84%). Einer der ungewöhnlichsten Orte niederzukommen ist auf Platz 7 das Müttergenesungswerk. Und Philatelisten dürfen sich jetzt schon auf die 45 Cent-Sondermarke freuen, die im Oktober 2011 erscheinen wird: ‚Internationale Schlafsackmesse in Schwäbisch Gmünd‘. Zittrig gezeichnete Diagramme und Seinsformen erklären die Reste. – Krisen und Lachen, beides kann einen schütteln, wie diese papierne Orientierungshilfe belegt. Metes/Rubinowitz: Die sexuellen Phantasien der Kohlmeisen. KiWi Verlag, 6,95€ P.S. Die Phantasien der Kohlmeisen werden auf S. 14 erläutert.
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| Nach einem Autounfall wird aus dem „Schwarz“ genannten Blinde-Kuh-Spiel Ernst: Gerson, der jüngere Bruder der Zwillinge Kees und Klaas, wird schwer verletzt und verliert sein Augenlicht. Das Leben bekommt eine noch dunklere Färbung. Einige Jahre zuvor ist schon die Mutter der Kinder eines anderen Mannes wegen nach Italien verschwunden und taucht seither nur noch in Form von 5 Postkarten zu den Geburtstagen und zu Neujahr auf. Der verlassene Vater tut sein Bestes für die Söhne und den kleine Terrier Daan. Was und wie Gerbrand Bakker in seinem schmalen Roman – eher einer Novelle - von einer (frauenlosen) Familie erzählt, nimmt vom ersten Satz an freiwillig gefangen. Er verzichtet auf spekulierendes Psychologisieren, die Geschichte nimmt wortsparsam und aus überraschenden Perspektiven genauestens beobachtet ihren stillen dramatischen Lauf. Nach dem Unfall rückt die invalide Familie noch dichter zusammen. Und selbst das traurige Ende macht Bakker durch eine tragikomische Wende zu einer Hoffnung verheißenden Aussicht. |
Cover siehe online |
| Alle Rezensionen © 2010 Arndt Wiebus Wiebus Buchhandlung, Oberhausen-Sterkrade |