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Licht im Schatten 2008 erschien Peter Kerskens erster historischer (Kriminal-)Roman ‚Tod an der Ruhr‘. 1866, so konnte man darin unter anderem erfahren, wütete die Cholera im Revier. Jetzt haben wir Ruhr.2010. Und sein zweiter Roman ist erschienen: ‚Im Schatten der Zeche‘. Der spielt im Juni 1912, wie der erste wieder in Sterkrade, das 1929 Oberhausen eingemeindet wurde. Das ist das Jahr des großen Bergarbeiterstreiks im Ruhrgebiet. 235000 Bergarbeiter, rund 60 Prozent aller Kumpel, sind im Ausstand. Sie sind sozialdemokratisch und liberal orientiert oder Mitglieder der polnischen Bergarbeitervereinigung. Die Staatsmacht in Gestalt von Militär, Polizei und Gendarmerie unterstützt prohibitiv die Arbeitswilligen, die größtenteils dem Christlichen Gewerkverein angehören. Der Streik scheitert. In diese große geschichtliche Grundierung setzt Kersken die fiktiven kriminellen Geschehnisse des Sterkrader Juni, in dem die auch heute noch weit über die Grenzen der Stadt bekannte traditionelle Fronleichnamskirmes stattfindet. Ein junger Bergmann und ein kleinwüchsiger Artist werden tot aufgefunden und Kriminalwachtmeister Zomrowski macht sich an die Ermittlung. „Josefa raffte ihren Rock noch ein Stück höher.“ Das ist der erste, verheißungsvolle Satz. Zwar will sie ihr Kleidungsstück so nur dem Zugriff der Rheinuferwellen entziehen. Aber dieser Satz kann auch durchaus für Kerskens Methode stehen, sehr lebendiges Fleisch um die vergessenen kalten Knochen der Geschichte zu schmiegen. Dass er die ‚Knochenarbeit‘ der umfangreichen Recherche in Archiven und Literatursichtung, seiner Reisen ins imaginierende Autoren-Ich und die Topografie des Geschehens in einer solchen Form der Leserschaft darbieten kann, zeugt von beeindruckendem literarischen Können. Die Fiktion richtet sich immer nach der historischen Realität. Und gerade das macht das vielköpfige Romanpersonal glaubwürdig und vital. Die Fülle bergbautechnischer, verwaltungspolitischer, migrationsdynamischer, glaubenspraktischer und lebensalltäglicher Informationen hat eben Augen und Ohren und Namen, ist riechbar und nachfühlbar. Die Aufklärung der Todesfälle ist eben kein Selbstzweck, sie legt Stück für Stück ein detailreiches Panorama frei. Der Juni 1912 ist so nah, dass man sich an ihn erinnern zu können glaubt, wie bald schon an den kommenden. Kerskens Kriminal-Roman zählt zweifellos zu den intelligentesten der Gattung. Er ist keiner dieser ‚kriminösen‘ Heimatromane, die man zur Vervollfettung seines jeweiligen regionalen Umfeldes benutzen kann, und die mit ihrer literarischen Belanglosigkeit den Markt überschwemmen. Er bezieht seine Spannung aus der historischen Genauigkeit, die dem fiktionalen Plot eine Seele gibt. Das ermittelnde Licht, das Zomrowski in den Schatten der Zeche bringt, leuchtet die industriestädtische Sterkrader Gesellschaft als pars pro toto in ihrer Schichtung aus. Vom Schlepper im Pütt, der seine Familie so eben über die Runden rettet, über die Hüttenkredit finanzierten Häuschen der Dreher, bis zu den Kaufmannsfamilien, in denen Dienstmädchen sich um deren Nachwuchs kümmern. Heute, da die wenigen erhaltenen Zechen - meist zu kultigen Eventgehäusen umgewidmet - wie desorientierte stählerne Dinosaurier nur noch ihre jüngste Vergangenheit zu beschatten verdammt sind, öffnet Kerskens Roman den Blick. Einen Blick in die Gegenwart des Vergangenen. Wo 2010 ist, war 1912. Oder umgekehrt? Bleibt zu hoffen, dass Peter Kersken den Sargdeckel über der Wiege des Ruhrgebiets, in die der Autor 1952 gelegt wurde, weiter zu einem Spiegel der Gegenwart poliert. Die Aussichten stehen nicht schlecht, wie man aus seinem Eifler Domizil vernehmen kann. Peter Kersken: Im Schatten der Zeche. |
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| Ruhe nirgends Erst mit 56 Jahren veröffentlichte William Gay 1999 seinen ersten Roman ‚The Long Home‘. Sprachmächtig übersetzt von Joachim Kröber ist er jetzt unter dem Titel ‚Ruhe nirgends‘ in deutscher Sprache erschienen. Es ist eine Geschichte von Gut und Böse, von Abgründen, die in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts in den Wäldern von Tennessee, USA, spielt, eingebettet in ein kleinstädtisches Milieu mit ruralem Umfeld. Beeindruckende Naturbilder reflektieren Seelenlandschaften und das Geschehen gewinnt alttestamentarische Dimensionen. Der nichts ahnende Sohn eines von seinem Arbeitgeber vor vielen Jahren ermordeten Vaters erfährt von der Untat; und die dunkle Wolke Vergeltung beginnt sich zu entladen. Das Knarzen der Holzhäuser, sengende Sonne, sintflutartige Regenfälle und das Ächzen sturmgebeutelter Baumkronen orchestrieren die Handlung, die nie ins Nebensinnliche kippt. Die archaisch kantigen Akteure folgen dem fragwürdigen Regelwerk von Sieg und Niederlage. Gay erdet alles so meisterlich, dass das Unheimliche, Bedrohende greifbar wird. Gänsehautgrusel ist dagegen so flüchtig wie ein billiges Deo. Und der Teufel eine Fiktion ohne Seele. William Gay: Ruhe nirgends. |
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| Alle Rezensionen © 2010 Arndt Wiebus Wiebus Buchhandlung, Oberhausen-Sterkrade |